„Wir wollen zeigen, wie vielfältig die Aktivitäten zum Klimaschutz in und um Markt Schwaben schon sind und wie es weitergehen kann!“ Damit zog das erste Markt Schwabener Klima-Forum am 20. September 2019 auf Anhieb hundertfünfzig interessierte Gäste in den Unterbräusaal. An Infoständen wurde angeregt diskutiert, es wurden neue Bekanntschaften geknüpft und bestehende vertieft. Ein Buffet bot Häppchen mit herzhaften selbstgemachten Aufstrichen aus Linsen, Bohnen, Kichererbsen und Cashewkernen, allesamt „bio & vegan“. Susanne Gnann-Pohle von der Gemeindebücherei präsentierte zahlreiche Bücher zu Umwelt- und Energiethemen. Als magischer Blickfang glänzten in der Mitte des Saales zwei Hightech-Fahrräder, Leihgaben von Daniel Weber aus der „Fahrbar“.
Den offiziellen Teil des Abends moderierte die Sprecherin des Aktivkreises Klimawende, Hilde Haushofer, die das Forum organisiert hatte. Das Wort erhielten zunächst die ehrenamtlichen ökologischen Initiativen, Vereine, Genossenschaften und Aktivkreise, die ihre oft langjährige Arbeit vorstellten: Wilma Östreicher sprach für das Carsharing, Manfred Kabisch für die Bürgerenergie, Marianna Sajaz für den Storchengarten. Der Aktivkreis Umwelt und der im Mai 2019 neugegründete Aktivkreis Klimawende mit seinen beiden Projektgruppen Repair-Café und Initiative Pro-Fahrrad wurden von Susanne May, Hilde Haushofer, Jaqueline Frechen und Andrä le Coutre vertreten, über die Energieagentur Ebersberg-München, den Ökostromversorger EBERwerk und den örtliche Fernwärmeversorger KUMS informierten Bärbel Zankl, Franz Lichtner und Bernhard Wagner.
Bürgermeister Georg Hohmann erzählte in seinem Grußwort, dass er 2012 „aus reinen Vernunftgründen“ sein Auto abgeschafft habe und seitdem problemlos per Carsharing, Fahrrad, öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß unterwegs sei. Hohmann erinnerte daran, dass Markt Schwabens schmale Gässchen aus dem Mittelalter stammen. „Damals konnte niemand erahnen, dass es mal SUVs geben würde, oder überhaupt derart viel Verkehr. Auf alten Postkarten sieht man ein paar Pferdefuhrwerke, zwischen Kirche und Unterbräu stand sogar ein Obelisk. Vor rund fünfzig Jahren begann dann der „autogerechte“ Umbau aller Straßen, und nun fehlt uns überall Platz für Radler. Der lässt sich wohl nur realisieren, wenn es ein gleichberechtigtes Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmer gibt, oder sogar reine Fahrradstraßen wie jetzt in München.“
Dr. Andrä le Coutre, Physiker und Sprecher der Initiative Pro-Fahrrad, hatte noch einige Stunden zuvor die erste Radldemo durch die Ortsmitte mit einhundertzwanzig Teilnehmern angeführt – darunter viele Kinder und Jugendliche, ganze Familien und etliche Senioren. „Sicherheit und Respekt für Radfahrer“ sollen in Markt Schwaben eine Verkehrswende ermöglichen. Mit ihrer Arbeit will die Initiative „das Fahrrad als bestes innerörtliches Verkehrsmittel stärken und einen kommunalen Beitrag zur Klimaneutralität anregen“. Le Coutre wies in seiner Powerpoint-Präsentation darauf hin, dass der durchschnittliche ökologische Fußabdruck in Deutschland immer noch höher ist als in China. „Aus meiner beruflichen Erfahrung weiß ich, dass China realistische Vorbilder für den Klimaschutz sucht und diese auch umsetzt. Hier könnten wir beispielhaft vorangehen. Wenn aber alle Menschen so leben würden, wie wir Deutschen es heute tun, bräuchten sie die Ressourcen von drei Planeten Erde“.
Hauptredner des Forums war der Klimaschutzmanager und Leiter der Energieagentur des Landkreises Ebersberg. Hans Gröbmayr bescheinigte Markt Schwaben, im Umwelt- und Klimaschutz die landkreisweit mit Abstand aktivste Gemeinde zu sein. In seiner Ansprache forderte er leidenschaftlich dazu auf, „mit Mut zum Handeln die Herausforderungen zu meistern“, denn: „Es ist bereits fünf nach zwölf“. Das Verhalten vieler Menschen beim Thema Erdüberhitzung verglich er mit dem von Autofahrern, die „bei freier Strecke ziemlich schnell auf der Autobahn unterwegs sind und am Horizont etwas erkennen, das wie ein quergestellter Lastwagen ausschaut. Wir sehen ihn, wir erkennen die Gefahr – und rasen ohne zu bremsen weiter darauf zu“.
Eindringlich sprach er darüber, dass jeder für sein eigenes Verhalten Verantwortung übernehmen müsse. Dazu stellte er sich und dem Publikum zahlreiche Fragen: „Fleischkonsum, Flugreisen, Wohnraum – was ist ein berechtigtes Grundbedürfnis und wo beginnt der Luxus? Ist es wirklich ein Problem, wenn wir mehr Bahn fahren, wenn wir nicht alleine, sondern zu mehreren im Auto sitzen? Oder vielleicht mal mit dem Fahrrad fahren? Videokonferenzen abhalten, statt beruflich irgendwo hinfliegen oder hinfahren? Wär’s nicht sogar gut, unser Leben hin und wieder zu verlangsamen? Ist es wirklich unvorstellbar, uns in höherer Qualität regional und saisonal zu ernähren? Schränkt mich das wirklich unangemessen ein? Oder fühlt es sich vielleicht sogar gut an? Schmeckt es nicht sogar besser und ist gesünder? Ja, es gibt ein Recht auf ein gutes Leben! Aber es gibt sicher kein Recht auf Zerstörung des Planeten. Es gibt kein Recht auf Zerstörung der Zukunft der Menschheit.“
Manches könne jeder Einzelne tun, vieles nur die Politik. Die aber versage, wenn sie, wie gerade vereinbart, weiterhin Ölheizungen fördere. Wenn ein Flug nach Mallorca mangels Kerosinsteuer und CO²-Abgabe für 29 Euro zu haben sei, obwohl der pro Fluggast einen in der Folge 126 Euro teuren Schadstoffausstoß verursache. In Deutschland würden über 50 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen verteilt – jedes Jahr.
Auch die Politiker im Landkreis Ebersberg rief Gröbmayr dazu auf, die vielen vorhandenen Chancen zu fördern – Wärmepumpen für oberflächennahe Geothermie, Windenergie, Freiflächen-Photovoltaik. „Wieso gibt es bei uns noch 35 000 geeignete Dächer ohne PV-Anlage? Darauf könnten pro Jahr 500 000 Megawatt Strom wirtschaftlich erzeugt werden – bei einem Gesamtverbrauch von 600 000“. Hans Gröbmayrs Schlusswort lautete „Klar ist: Nichts wird unwirtschaftlicher und teurer, als wenn die Energiewende scheitert!“.
Am Ende des Abends hatten sich viele Forumsgäste neu in den Aktivkreis Klimawende und seine Projektgruppen eingetragen. Mit nunmehr sechzig Mitwirkenden gehen diese deutlich gestärkt an die weitere Arbeit. Wer sich ebenfalls im Aktivkreis Klimawende engagieren will, kann sich gerne per Mail unter klimawende@marktschwabenaktiv.de anmelden. Beim nächsten Klima-Forum werden die Teilnehmenden Konzepte für Markt Schwabens Klimawende entwerfen und umsetzbare Projektideen entwickeln.
Aktivkreis Klimawende – Kontakt: Hilde Haushofer | klimawende@marktschwabenaktiv.de