Den Wildbienen helfen!

Dr. Andreas Fleischmanns Vortrag in Markt Schwaben am 20. März 2019

Warum die Blühstreifen an gespritzten Ackerrändern mehr schaden als nutzen und andere unbequeme Wahrheiten erfahren die rund 150 Besucherinnen und Besucher, die sich erwartungsvoll im Unterbräusaal eingefunden haben. Der Botaniker und Wissenschaftler Dr. Andreas Fleischmann vermittelt in seinem mitreißenden und hoch informativen Vortrag, dass das Bild der Nahrungskette als Beziehung der Pflanzen und Tiere untereinander nicht stimmt. In Wirklichkeit bilden sie ein Nahrungsnetz, in dem jede Pflanzen- und Tierart eine spezifische Aufgabe erfüllt. Je mehr Pflanzen und Tiere verschwinden, desto größer werden die Lücken in diesem Netz und umso schwieriger wird eine „Reparatur“. Es ist die natürliche Artenvielfalt, die das Netz stabil hält.

Als Hauptursachen für das Insektensterben nennt Dr. Fleischmann die Flächenversiegelung in Bayern (mit 13 ha pro Tag) sowie die industrialisierte, intensivierte Landwirtschaft. Beide verursachen hohe Lebensraumverluste. Problematisch für die Artenvielfalt sind auch die großen Stickstoffeinträge über die Luft (= Dünger). Das Verschwinden von ehemals vielfältigen Strukturen und die Verwendung von Insektengift zeigen ihre Folgen im massiven Insektensterben. „Insektengift tötet nun mal Insekten“, so bringt der Referent es auf einen ganz klaren Nenner. Seit den 80er-Jahren bewirken Neonikotinoide eine enorme Zerstörung. Nur zwei bis 20 Prozent der Insektengifte werden von Pflanzen aufgenommen und vernichten gezielt die Insekten, die an ihnen fressen oder ihren Nektar aufnehmen. Der gewaltige Rest vergiftet das Ökosystem. Insekten anlockende Blühstreifen entlang von Feldern, die mit Gift gespritzt werden, wertet Dr. Fleischmann daher als tödliche Fallen.

Ein erschreckender Endpunkt der industriellen Landwirtschaft sind Monokulturen auf riesigen Flächen, wie es sie in den USA bereits gibt. „Da wächst nur noch eine Sorte Getreide oder Mais, alle anderen Pflanzenarten und Tiere sind dort verschwunden. Natürlich ist diese eine Sorte dann extrem anfällig für Schädlinge, Krankheiten oder sinkende Preise am Weltmarkt.“ Dabei spricht Dr. Fleischmann ausdrücklich keine Schuldzuweisung gegenüber einzelnen Landwirten aus. Die Hauptverantwortung für die derzeitige intensive landwirtschaftliche Nutzung sieht der Referent beim Bauernverband und bei der Agrarpolitik. Die aktuelle Gesetzes- und Subventionslage fördere den Artenschwund und müsse deshalb dringend berichtigt werden, wie es auch im erfolgreichen Bayerischen Volksbegehren für Artenvielfalt gefordert wurde.

Die großen Raumverluste überleben einzelne Arten auf „Inseln“. Ihr genetisches Material kann sich so nicht mehr im notwendigen Maß austauschen. Wildbienen sind besonders gefährdet, weil sie nur kurze Flugdistanzen von bis zu 250 Metern zurücklegen, wie eine Untersuchung im Botanischen Garten in München zeigte. „Wildbienen führen quasi ein One-Woman-Business-Unternehmen“, sagt Fleischmann. Jede ist Arbeiterin und Königin zugleich, und weil sie ihre Brut nicht lange alleine lassen kann, fliegt sie eben nicht weit. Die Vernetzung von noch intakten Lebensräumen ist deswegen dringend erforderlich.
Tatsächlich ist eine kleinteilige Landwirtschaft mit Diversität im Anbau, wie es sie in der Generation unserer Eltern und Großeltern noch gab, das beste Modell für die Umwelt und die Artenvielfalt. Die nötigen Lebensräume für eine große Vielfalt an pflanzlichen und tierischen Lebewesen (auch z.B. eigene Hühner, Honigbienen, Schafe) bieten kleinere, unterschiedlich bewirtschaftete Felder und Blumenwiesen, die für Heu (anstatt Silage) gemäht werden – einladend gesäumt von Feldrainen, Wegerändern und Hecken. Auch brachliegende, sich selbst überlassene Böden (sogenannte Ruderalflächen) entwickeln schnell eine höhere Artenvielfalt und bieten Wildbienen optimale Nistmöglichkeiten.

Wie können wir dem Artensterben entgegenwirken?

Wichtig ist, dass die noch vorhandenen wertvollen Lebensräume erhalten bleiben. Höchste Priorität hat der Erhalt von artenreichen Wiesen. Sie sollen nur ein- bis zweimal pro Jahr gemäht, das Mähgut entfernt, die Wiesen also nicht gemulcht oder gar gedüngt werden. Auch auf öffentlichen Flächen kann damit viel verbessert werden. Für das Überleben der Insekten ist es entscheidend, dass abschnittsweise gemäht wird, damit immer etwas stehen bleibt, wohin die Tiere sich zurückziehen und wovon sie sich ernähren können. Sehr schonend ist das Mähen mit der Sense, das heute wieder mehr Menschen erlernen.

Auf die Frage, was jeder Einzelne tun kann, warnt der Referent vor schnellen Lösungen aus dem Baumarkt. Eine artenreiche Blumenwiese sei ein über Jahrzehnte gewachsenes Ökosystem, das sich nicht über Nacht einstellen kann. Die magere Blumenwiese ist bei uns mit tausenden Pflanzen- und Insektenarten der artenreichste Lebensraum überhaupt. Für Neuanlagen braucht es Geduld und Zeit, bei der Samenauswahl ist unbedingt auf heimische / lokale Arten zu achten, da unsere Insekten Nahrungsspezialisten sind und nur anfliegen, was sie kennen. Doch selbst der beste Samen hat Probleme, wenn der Boden vorher nicht optimal vorbereitet wurde. Böden sollen möglichst „mager“ sein, dann entsteht die größte Vielfalt an Pflanzen. Der Botaniker rät auch dringend zur Verwendung heimischer Gehölze, Stauden und Kräuter – Weide und Kornelkirsche statt Forsythie, heimische Geranium-Arten anstatt gefüllt blühende Geranien. Wichtig sind offene Bodenbereiche und geeignetes Nistmaterial, das sich leichter in einem strukturreichen Garten finden lässt als in einem ausgeräumten Kiesgarten. Schotterböden oder Beläge mit offenen Pflasterfugen sind für Wildbienen wertvolle Alternativen zu versiegelten Flächen. Auf Spritzmittel muss komplett verzichtet werden.

Veranstalterin des Vortrags war die Gemeinde Markt Schwaben unter der Schirmherrschaft von Bürgermeisters Georg Hohmann. Die Federführung hatte der Aktivkreis Umwelt unter Mitwirkung des Bienenzuchtvereins Markt Schwaben e.V. und der Volkshochschule Grafing. Alle Interessierte, die sich gerne für die Umwelt in Markt Schwaben und Umgebung engagieren möchten, sind herzlich eingeladen, an den offenen Treffen des Aktivkreises Umwelt teilzunehmen. Treffpunkt ist jeweils am 4. Donnerstag des Monats um 20 Uhr im AWO-Haus, Herzog-Ludwig-Str. 20 in Markt Schwaben.
Susanne May | Kontakt: aktivkreis-umwelt@marktschwabenaktiv.de